Langstrecke: Intermezzo August 2011

Fahren bis zum Ziel…

… oder bis ich vom Rad falle.

2010: Die 300km Rennrad zu den Orten meiner Jugend habe ich erstaunlich locker geschafft, die längste Tour meiner Fahrradlaufbahn bis dato. 2011: Ist noch eine Steigerung drin? Mein Bruder wohnt noch mal knapp 100km weiter im Norden, und legt damit die Latte noch mal etwas höher.

Der Plan: Durchs Würmtal nach Pforzheim, Anstieg zur Pfinz und diese dann abwärts bis Karlsruhe, bei Germersheim über den Rhein, an Speyer vorbei über Alzey nach Bingen. Dann am Rhein entlang bis Bonn, und dann die letzten 30km aufwärts nach Rösrath. GPS-Daten sind fertig. Nachdem (völlig überraschend) die Tage Anfang August schon wieder deutlich kürzer werden, geht es am 2.8. spontan los, die Schönwetterlücken ausnutzend.

Montag abend zeitig in die Koje (geschlafen habe ich trotzdem nicht), um 00:00 klingelt der Wecker, Frühstück und um 00:45 sitze ich auf dem Rad. Die Temperaturen sinken nach 2:00 nochmal deutlich, und im feuchtkalten Würm- und Pfinztal bin ich froh um die Windjacke, die ich doch noch eingepackt habe. Ein Buff und Beinlinge hätten auch nicht geschadet. Zur Dämmerung bin ich in den Rheinauen, und suche mir auf der anderen Rheinseite in Dudenhofen bei Speyer den ersten Bäcker, der aufmacht. Gels und Riegel habe ich erst mal genug. Der Stehtisch ist für die Erholung wenig zuträglich, und so kämpfe ich die nächsten zwei Stunden mit der Unwilligkeit meiner Beine. Bei den Steigungen noch mit genügend Druck, verweigern sie in der Ebene den Dienst. So wird das nichts, erste Gedanken ans Aufgeben. Doch zumindest bis nach Bingen will ich kommen. Also zuerst eine ungeplante Pause. Doch Dienstag morgens hat außer den Bäckern nichts auf, und die sind gerade rar. So hangele ich mich langsam von Ort zu Ort, dabei schone ich meine Kräfte und komme so tatsächlich noch bis Alzey. Dann endlich ausgiebige Pause mit zwei Riesen Stücken Torte. Nach Alzey mit vielen kleineren Steigungen bis Bingen. Die Temperaturen sind mittlerweile hochsommerlich, und meine Kräfte kehren langsam wieder. Also weiter, aufgeben kann ich später auch noch. Also auf den Rheinradweg und am Rhein entlang (immer mit Blick auf den Rheinsteig, aber das ist eine andere Geschichte). Hier ist viel los, Tourenradler mit Gepäck sind in kleinen und großen Gruppen unterwegs. Trotzdem komme ich ganz ordentlich voran. Um 13:45 ist Mittagspause in Oberwesel angesagt, endlich mal was anderes als Kuchen. 250km habe ich hinter mir. Die Hoffnung steigt, die Tour doch noch erfolgreich abzuschliessen. Eine Stunde Pause lassen den Beinen Zeit, sich etwas zu regenerieren, und auch Hintern und Hände sind froh um reduzierte Druckstellen. Bis Rhens bleibt der Radweg gut und auch für die schmalen Rennradreifen geeignet, ab da kommen ein paar Kopfsteinpflasterstrecken. In Koblenz lässt die Buga grüßen, viele Spaziergänger. Nach der Moselüberquerung erstmal eine Umleitung. Die Strecke nach Koblenz ist landschaftlich lange nicht so attraktiv wie zwischen Bingen und Koblenz, hier geht es ums Kilometermachen. Mit dem Rennrad hätte es sich an einigen Stellen gelohnt, auf der Hauptstraße abzukürzen, irgendwo habe ich vermutlich die Beschilderung übersehen und lande auf einem naturbelassenen Leinpfad. Vielleicht der Grund für den Speichenbruch, der mich später erwischt. In Andernach fülle ich mal wieder meine Wasservorräte, lasse meine Beine ein paar Minuten ausruhen und weiter geht’s. Das Ziel rückt näher. Mit einer kurzen Pause vor Bonn wappne ich mich für den Anstieg. Es ist 20:45, Licht wird fällig. Nach 355km geht es über die Rheinbrücke, noch gut 30km laut Navi. Dann ganz gemächlich bergan, trotzdem auf einmal ein stechender Schmerz im rechten Knie. Zwischen Siegburg und Troisdorf versagt die Tourenplanung, ein paar kurze für Radfahrer gesperrte Strecken zwingen mich auf Umwege, die vor allem Zeit kosten. Erst um 22:00 stehe ich kurz nach Lohmar vor dem letzten finalen Anstieg auf die Scheiderhöhe. Mein Knie schmerzt bei jedem Tritt, so gut es geht versuche ich schonend zu fahren. Im ständigen Auf- und Ab ziehen sich die letzten Kilometer endlos. 22:43, das Handy macht sich mit lautem Fahrradklingeln bemerkbar. „I want to ride my bicycle“ klingt Freddies Stimme aus dem Lautsprecher. Frank’s Frage, wann ich komme, beantworte ich mit „noch 2 Minuten“. 22:45, stehe ich vor der Verandatür und werde von Frank und Nina in Empfang genommen. Sogar Rosa ist pünktlich aufgewacht, mich zu begrüßen. Geschafft. Dusche. Essen. Bett.

Und zwei Tage später die positive Bilanz: 392km, 1820HM. 22h unterwegs, davon 18h reine Fahrzeit. 1 Speichenbruch. Eine leichte Sattelaversion, und die rechte Hand kribbelt immer noch. Die durch den Rucksackgurt blutig gescheuerte Haut an den Schlüsselbeinen verheilt langsam. Muskelkater hält sich in Grenzen, aber so ganz freiwillig bewegen sich die Beine noch nicht wieder. Knieschmerzen sind weg, so lange ich nicht zwei Stufen auf einmal die Treppe runterspringe.

Und 2012? Da brauche ich glaube ich mal wieder eine Mountainbike-Tour, da kann ich mir dann für die 400km eine Woche Zeit lassen.

Schöne Grüße, Euer Kai Und einen Dank an alle, die mich mental (oder durch Asyl) unterstützt haben! :-)=

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